Verfasst von: Jens | Juni 29, 2010

Hier ist sie, die gute Hoffnung

Marie Luise Knott war in Südafrika. Das ist offensichtlich. Beschreibt sie doch ihre Verwirrtheit beim Anblick all der Schwarzen vor ihrem Hotel. Diese Schwarzen sehen doch alle gleich aus. Und wie soll der Durchschnittsweisse denn die Guten von den Bösen trennen? Dass ihr Hotel sich alle erdenkliche Mühe gibt, mit zusätzlichem Sicherheitspersonal für die Gäste zu sorgen – nicht so wichtig um erwähnt zu werden. Eigentlich trägt man doch damit nur zur schon bestehenden Unsicherheit der Besucher bei, oder?

Diese hindert die Marie Luise Knott allerdings nicht, sich auf die zweifellos vorhandenen und aber auch die imaginären Probleme Südafrikas zu stürzen.

Doch Nelson Mandelas Aufbruch in ein „nichtrassistisches, geeintes und demokratisches Südafrika“, jene Zeit, als Südafrika 1995 der Rugby-Weltmeistschaftssieg gelang, ist Vergangenheit. In einem Land mit einem maroden Schulsystem, in dem man, jedenfalls zu nichtweltmeisterlichen Zeiten, auf der Straße wegen eines Handys umgebracht werden kann, in einem Land mit regierungsgesteuerter Korruption, dramatisch steigender Armut und hoher Arbeitslosigkeit verströmt der Ruf „Wir sind eine Nation“ kaum Zuversicht.

Der Vorschlaghammer. Also wegen eines Handys wird man in Südafrika auf der Straße umgebracht? Is ja ein Ding. Abgesehen davon, dass so gut wie jeder erwachsene Südafrikaner ein Handy hat: weswegen wird man denn so in Deutschland umgebracht? Juden werden gejagt und verprügelt, Polizisten zusammengeschlagen und lebensgefährlich verletzt. Und auf Abiparties werden Teilnehmer einfach mal so abgestochen. Soll ich weiter auflisten? Ja, es gibt ein Sicherheitsproblem und ja, viele Menschen hier fragen sich jetzt, warum es die Polizei schafft, dieses während der WM, nicht aber normalerweise in den Griff zu bekommen. Von Deutschland allerdings brauchen wir keinen Zeigefinger. Ihr habt Eure eigenen, zahlreichen NO GO areas.

Marodes Schulsystem? Hallo? Pisa Studie? Rüttli Schule? Sagen Ihnen diese Schlagworte was? Da kommt die Marie Luise Knott und entzieht jedem südafrikanischen Lehrer, allen die sich unter widrigen Bedingungen in ländlichen Gebieten oder im Township um die Ausbildung der Kinder verdient machen – allen diesen Lehrern entzieht sie die Berechtigung. Basta. Marode. Müssen wir keine Differenzierungen zulassen. Marode. Das in einem Agrar – und Schwellenland wie Südafrika alle Kinder einer Schulpflicht unterliegen – nicht so wichtig. Oberlehrer Marie Luise Knott weiß es eh besser. Marode. Und ich geh mal davon aus, dass sie mehrere Schulen besucht hat um diese Feststellung zu treffen. Oder etwa nicht?

Regierungsgesteuerte Korruption. Das muss sich erstmal setzen. Also auf Deutsch: die Regierung fördert und lenkt Korruption. Wohlgemerkt, die Marie Luise Knott meint damit die südafrikanische Regierung. Ich bin nun eher von Natur aus kritisch wenn es um Regierungen geht und würde so wenig wie möglich Einfluss der Regierung bevorzugen. Aber, ich bin gleichzeitig überzeugt, dass die südafrikanische Regierung im Großen und Ganzen und mit den gegebenen Möglichkeiten einen guten Job macht. Fehler werden gemacht und daraus gelernt. Und? Wir haben – wie die Marie Luise Knott auch ganz richtig erkannt hat – erst seit 16 Jahren eine funktionierende Demokratie. In Deutschland hat man diese Herrschaftsform schon etwas länger. Man stelle sich vor, der südafrikanische Präsident wäre einfach mal so von heute auf nichts zurückgetreten. Alles hingeschmissen, basta. Nur weg. Ohne jetzt auf die vermeintlichen (und mE nachvollziehbaren) Gründe des deutschen Bundespräsidenten a.D. Horst Köhler eingehen zu wollen – im vergleichbaren Fall hätten sich die besserwisserischen Oberlehrer in den deutschen Redaktionsstuben und wohl auch die Marie Luise Knott überschlagen vor Aufregung und Glück. Unsere Regierung hat eine dreimal so hohe Zustimmungsrate unter der Bevölkerung wie die Bundesregierung. Also kann doch nicht alles nur schlecht sein, oder?

Marie Luise Knott kennt Katharina Narbutovic vom Daad-Künstlerprogramm und weiß von deren Veranstaltung in Johannesburg. Davon abgesehen dass diese wohl nur vom elitären Bekanntenkreis der Autorin besucht wurde, frage ich mich, was die Erwähnung von Candice Breitz, und deren „streng komponierter Video-Arbeit mit Erzählungen von Zwillingen“ in diesem Artikel zu suchen hat. Sie wird sich auf jeden Fall freuen, in der FAZ genannt worden zu sein.

Die Marie Luise Knott kennt auch Ivan Vladislavi. Der heisst zwar eigentlich Vladislavić, muss aber trotzdem als Kronzeuge herhalten. Der Aufeinanderprall der Identitäten und die ausgeprägten No-Go-Areas stehen für den südafrikanischen Geisteszustand, hätte er gesagt. Interessieren würde mich dann schon, wann und in welchem Zusammenhang er dies denn gesagt haben soll. Und dann holt Marie Luise Knott zum ganz großen Rundumschlag aus:

Jyoti Mistry, die indischstämmige Stadtsoziologin und Filmemacherin, führt mit viel Selbstironie durch die Anlage. … Auch der aus Kamerun stammende Historiker Achille Mbembe konstatiert, Materialismus und Konsumismus und das Feststecken in den Bildern und Begrifflichkeiten der Vergangenheit hinderten die Menschen daran, das Neue zu erkennen, das sich tatsächlich tagtäglich ereignet. … Mbembe, ebenso wie Georges Pfründer, der aus der Schweiz zugezogene Leiter der Wits School of Arts, setzen auf „Métissage“ und „Kreolisierung“, die allmähliche Bildung einer gemeinsamen, „hybriden“ Kultur. … Vor allem aber betont er, wie auch Joity Mistry in ihren Filmen wie „We remember differently“ auf die Begegnung von Dokument und Fiktion. … Hier, in „Arts on Main“, haben sich verschiedene Kulturinitiativen zusammengeschlossen, mit dem Ziel, ein Stück Innenstadt dem öffentlichen Leben zurückzuerobern: Galerien, Ateliers, eine Buchhandlung, ein Restaurant und verschiedene Veranstaltungsorte. Das Goethe-Institut, der weltbekannte Künstler William Kentridge und die Galerie Seippel sind mit von der Partie.

Wahnsinn, wen die Marie Luise Knott so alles kennt. Trotzdem versuche ich noch immer, einen Zusammenhang zur Schlagzeile ihres Artikels zu finden: „Wo ist die gute Hoffnung hin?“.

Die Autorin verweist auf die Dichterin Lebogang Mashile und warnt vor Taschendieben in Südafrika. Und dann begibt sie sich auf die Reise nach Kapstadt. Es sind nicht die faszinierenden Schönheiten dieser Stadt am Tafelberg, die schon seit Jahrhunderten die Menschen anziehen, es sind nicht die beiden Ozeane, die Weingegenden, die Strände, das multikulturelle und friedliche Zusammenleben der unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen das von Marie Luise Knott beschrieben wird. Nein, es ist das Krächzen der Vögel. Und natürlich muss sie von Weißen schreiben, die sich von der neuen schwarzen Regierung unverstanden fühlen. Die Marie Luise Knott hat nicht mitbekommen, dass im Western Cape die DA regiert und wir hier gar eine weiße Frau als Premier haben.

Am Ende ihres Beitrages scheint Frau Knott dann doch noch etwas Verständnis für Südafrika und seine Chancen zu entwickeln, ja man könnte fast schon schreiben, dass sie dann – wenn auch versteckt zwischen mehreren Kastensätzen und der Erwähnung der Namen weiterer Kulturschaffender – so etwas wie eine Antwort auf die Frage „Wo ist die gute Hoffnung?“ gibt.

Südafrika, das unter der Apartheid nach Europa und Amerika ausgerichtet und vom Rest des Kontinents abgeschnitten war, zieht heute neben den Wirtschaftsflüchtlingen auch Intellektuelle aus vielen afrikanischen Ländern an.

Darin liegt eine einmalige Chance. Eine Hinorientierung auf das Afrikanische, eine Förderung der afrikanischen Intellektuellen. Und gleichzeitig die Bewahrung der europäischen Wurzeln. Dies ist einmalig in der Geschichte und mit gutem Willen wird es gelingen, Südafrika zu einem neuen, erfolgreichen Model für Afrika auszubauen.

Dieser gute Wille, dieser Wunsch erfolgreich zu sein, ist bei den meisten Südafrikanern vorhanden. Auch wenn Marie Luise Knott dies nicht so sieht, nicht so sehen kann oder will. Man kann es förmlich riechen: der Autorin dieser pseudointellektuellen Schmähschrift passt es nicht, dass die WM erfolgreich ist. Ihr kleinkariertes Weltbild erlaubt den Gedanken nicht, dass die Südafrikaner eine fantastische WM organisiert haben. Sie hofft noch immer, dass etwas schief geht. Ein ganz kleines bisschen, bitte. Und wenn nicht, dann eben nach der WM. Es kann und darf doch nicht sein, dass Südafrika erfolgreich ist.

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