Verfasst von: Jens | August 7, 2008

Gedanken zu einem Artikel im Spiegel

Zwei Jahre vor der Fussball WM scheint es, als ob man sich in allen Redaktionsstuben Europas übertreffen will im Herbeireden einer südafrikanischen Katastrophe. Untergangsstimmung wird erhofft – oder zumindest ein medialer Handtaschenraub. Dies passt ins globale Bild und wird so von den Lesern erwartet – und gemessen an den gefühlten Verschlechterungen der eigenen Lebensumstände wären zumindest Bilder hungernder Kinder aus Afrika angebracht. Es ist unmöglich diese Fotos aus Südafrika zu besorgen, dort hungert niemand. Der seit 1994 herrschenden ANC Regierung ist es mehr oder weniger gut gelungen, die wichtigsten Probleme zu lösen. So haben jetzt 90 Prozent der Bevölkerung einfachen Zugang zu fliessend Wasser und zu Elektrizität. Es gibt ein, wenn auch noch weitmaschiges, soziales Netz und Sozialleistungen, zum Beispiel einen Mindestsozialhilfesatz von R800. Es gibt – endlich – ein arbeitnehmerfreundliches Arbeitsrecht und unzählige staatliche sowie private Initiativen zur Verbesserung der Lebensumstände des einfachen Südafrikaners.

AIDS
In Südafrika erhalten 510 000 Menschen antiretrovirale Medikamente – dies ist für ein Schwellenland eine enorme finanzielle und – bedenkt man dass Südafrika ein Agrarland ist – eine brillante logistische Leistung. Und es scheint, dass man auch in südafrikanischen Regierungskreisen aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat.

AUSWANDERER
Wenn 50 000 Weisse Südafrika verlassen, dramatisiert man und nennt dies Brain Drain. Wenn letztes Jahr 230 000 Deutsche ihre Heimat verlassen, begründet man dies mit Globalisation. Es stimmt: viele der südafrikanischen Auswanderer verlassen das Land wegen der extremen Kriminalitätsrate und weil sie für sich und ihre Familien keine Zukunft mehr sehen. Kann es aber nicht einfach nur ein Zeichen der Zeit sein, die Möglichkeiten zu nutzen die sich eben aus der Globalisierung ergeben und woanders neu zu beginnen, weil man glaubt dass dies dort besser klappen wird? Was hat man in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts für Möglichkeiten gehabt, an einem anderen Ort dieser Welt Fuss zu fassen? Eher weniger. Und wenn man dann doch den Mut hatte, war dies ein normalerweise unwiderruflicher Entschluss. Man konnte nicht so wie heute mal schnell in den Flieger und für einen halben Monatslohn ins Herkunftsland zurückfliegen.

LEBENSMITTEL- UND STROMPREISE
Gestern hatte der Gewerkschaftsdachverband Cosatu zum nationalen Streik und damit verbundenen Demonstrationen aufgerufen. In Kapstadt wurden 30000 Teilnehmer erwartet – trotz strahlendem Sonnenschein kamen lediglich um die 10 000. Demonstrieren wollte man gegen eine extreme Preiserhöhung beim nationalen Stromkonzern Eskom (bis zu 55 %) und gegen die (auch) in Südafrika gestiegenen Lebensmittelpreise. Dieses eigentliche globale Problem wird von den Südafrikanern, die an einen staatlich regulierten Markt bei Grundnahrungsmitteln und Benzin gewohnt sind, der Regierung zur Lösung überantwortet. Das dies nicht von dieser gelöst werden kann, sondern eher ein Problem des Marktes ist, ist dem Südafrikaner noch nicht bewusst.

Zuma
Das Land ist gespalten. Er ist ein Populist, er sagt, was die Massen hören wollen. Aber: tun dies nicht die meisten Politiker? Ob sie nun Obama oder Merkel oder Lafontaine heissen …nur bei Zuma scheint die Presse andere Massstäbe anlegen zu wollen. Er darf keine Fehler machen, er darf, nachdem ihm Tausende zugejubelt haben, schon gar keine alten Kampflieder anstimmen.

Wenn auf dem Die Linke SED Parteitag in Berlin die Internationale angestimmt und ‚zum letzten Gefecht’ aufgerufen wird, ist dies OK. Wenn Zuma in einem Lied nach seinem Maschinengewehr fragt, ist dies eine Meldung für die paranoide Weltpresse. Warum werden ständig verschiedene Massstäbe angelegt bei der Beurteilung der meist relativ ähnlichen Situation?

Man kann Zuma viel vorwerfen. Zum Beispiel seine Bemerkung über gründliches Duschen nach dem Verkehr mit einer HIV-positiven Frau. Gerade ihm als Respektperson, weil die Massen ihm glauben, ihn wörtlich nehmen. Und er dies weiss. Aber auch deutsche Politiker geben öfters ohne Teleprompter dummes Zeug von sich und kein Mensch in Südafrika würde deswegen einen aufkommenden Bürgerkrieg in Deutschland vermuten. Wie gesagt, Zuma ist ein Populist. Aber er ist ein Mann, der aus der Masse kommt, der die Nöte der Menschen am Kap kennt und verspricht, sich ihrer anzunehmen. Und dies sollte reichen, ihm eine Chance zu geben. Es dürfte ausgesprochen schwierig für ihn werden, grössere Fehler als Mbeki zu machen.

Man wirft ihm jetzt Korruption vor. Dies mag aus formal rechtlichen Gründen wohl auch so gewesen sein, das Gerichtsverfahren wird es klären. Aber man sollte eben nicht nur mit dem europäischen Zeigefinger auf Afrika zeigen und Bestechung/Korruption am Kap verteufeln. Zur Bestechung gehören immer zwei, und im Zuma-Fall ist die andere Partei eine französische Rüstungsfirma. Zuma könnte sich – den Massen am Kap durchaus verständlich – mit afrikanischen Bräuchen entschuldigen. Wenn man vom Stammeschef etwas will, bringt man ihm Geschenke. Und so hat Zuma (falls es denn wirklich so gewesen sein sollte) ein Geschenk angenommen um das Projekt des Schenkers wohlwollend zu begleiten. Dies ist in Afrika gang und gäbe und so erklärt sich auch das offensichtlich fehlende Unrechtsbewusstsein.

Welche Entschuldigung hat die französische Rüstungsfirma? Oder Siemens? Oder Mercedes Benz? Oder ….

Es gibt in Südafrika das erste Mal seit Menschengedenken eine stabile, funktions –und wehrfähige Demokratie. Fehler werden gemacht, allerdings werden auch diejenigen, die Fehler machen, zur Rechenschaft gezogen. Das Volk nimmt seine demokratischen Rechte wahr, es organisiert sich in Parteien, in Gewerkschaften, es demonstriert wenn es unzufrieden ist. Man hat gelernt, dass man als Bürger Rechte hat. Und dass man für diese eintreten muss, dass es selbst in einer Demokratie wie der am Kap der Guten Hoffnung notwendig sein kann, diese Rechte auf der Strasse einzufordern. Dass dabei Jugendliche unter Umständen übertreiben und Autoreifen verbrennen ist bedauerlich, aber ebenfalls aus Städten wie Berlin und Hamburg bekannt. Nur wenn dies in Südafrika geschieht, wird vor dem Versinken im Chaos gewarnt.

Wenn der Cosato Chef für die Provinz Eastern Cape, Xolani Pakati, jubelt: „Bei uns ist jede wirtschaftliche Aktivität zum Erliegen gekommen. Wir sind so glücklich, dass wir das geschafft haben.“ erwartet man beim Spiegel den Zusammenbruch des Landes. Wenn dies der Verdi Chef beim jüngsten Lufthansastreik sagt, schaut man lediglich auf das Börsenbarometer.

Wenn Nina Gunic, die Sprecherin der österreichischen Linken laut von Enteignung der Industrie träumt, wird dies als Randnotiz abgetan. Wenn der Chef der ANC Jugendliga Julius Malema sagt: „Zuma ist das Opfer einer politischen Verschwörung unter Führung von Staatspräsident Thabo Mbeki. Wir sind bereit, für Zuma zu sterben“, schaut man in den deutschen Redaktionsstuben nervös auf den Nachrichtenticker.

Im Unterschied zu Deutschland und Europa hat man in Südafrika erst seit 14 Jahren Erfahrungen mit Demokratie machen können. Und im Unterschied zu Europa nehmen die Menschen am Kap ihre Rechte noch wahr. In Deutschland sitzt man lieber abends am Stammtisch und schimpft auf ‚die da oben’.

Welche Option ist wohl die bessere?

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